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Lehrermangel - Interview mit den SN

Fragen: Mark Liebenberg, Schaffhauser Nachrichten

Es zeichnen sich fürs nächste Schuljahr „gewisse Herausforderungen“ ab,

schreibt Amsler: Welches sind aus der konkreten Erfahrung in der

Lehrerschaft die Indikatoren? Gibt es dazu Zahlen? In welchen Gemeinden

ist die Lage besonders prekär?

Wir sind froh über den Hilferuf von höchster Stelle. Das zeigt uns auf, dass die Situation wirklich dramatisch ist. Auch begrüssen wir sehr, dass Herr Amsler viele unserer gewerkschaftlichen Forderungen anführt, um zu zeigen, dass er sich seit längerer Zeit sehr bewusst ist, dass das Schiff gegen den Eisberg krachen wird. Auch hat er im Namen der Regierung schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Strukturen und Löhne nicht mehr zeitgemäss sind. Aber wenn es ihm nicht gelingt, das Parlament, ja nicht einmal seine eigene Partei von der Dringlichkeit einschneidender Massnahmen im Bildungsbereich zu überzeugen, dann wird wohl erst das Zerschellen am Eisberg zu Massnahmen führen.

Was Herr Amsler mit "gewisse Herausforderungen" umschreibt, ist die Tatsache, dass wir offene Stellen, aber keine Bewerbungen mehr haben und das obschon wir bereits zum jetzigen Zeitpunkt viele Stellen nicht mit adäquatem Lehrpersonal besetzt haben.

 

Wo sehen Sie die Gefahr, dass diese Lehrer nicht ersetzt werden können?

Gefahren sind, dass noch mehr Lehrpersonen ohne entsprechende Ausbildung angestellt werden müssen, dass Klassen vergrössert werden, dass es zu einer Überbelastung des bestehenden Lehrpersonal kommt. 

Leider sind wir einfach zu spät dran, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen und entsprechend Werbung für den Lehrerberuf zu machen. Der LSH fordert seit Jahren entsprechende Anpassungen. Es ist schade, wenn auf diese Forderungen erst reagiert wird, wenn das System bereits Schaden genommen hat. 

 

Ab wann würden Sie von einem Notstand sprechen?

Wenn der zuständige Regierungsrat in einem Schreiben höchstpersönlich die Lehrpersonen darum bittet, ihre Pensen zu erhöhen, in benachbarten Dörfern nach Lehrpersonen zu suchen und bei pensionierten Lehrerinnen und Lehrern nachzufragen, ob sie wieder unterrichten würden, dann ist für mich der Notstand Realität.

Auch könnte man sagen, dass wir uns seit längerer Zeit in einer Situation befinden, die den Schülerinnen und Schülern nicht gerecht wird. Wenn etwa ein Drittel aller Kinder mit abgeklärtem Förderbedarf nicht von entsprechendem Lehrpersonal beschult wird, wenn bei direkt integrierten Sonderschülern das vereinbarte Setting nicht eingehalten wird, weil die entsprechenden Fachpersonen gar nicht zur Verfügung stehen, wenn Personen unsere Kinder unterrichten, welche gar nicht über eine pädagogische Ausbildung verfügen, dann ist der Notstand bereits in diesem Schuljahr Tatsache.

 

Besteht ihrer Ansicht nach ein Zusammenhang zwischen dem Schulmodell

(geleitete Schulen/Vorstehermodell) und fehlenden Lehrkräften? Kann man

dies belegen?

Wir wissen von mehreren Lehrpersonen, welche den Kanton Schaffhausen im Sommer verlassen oder nach dem Studium ihre Erstanstellung ausserhalb unseres Kantons antreten mit der Begründung, sie möchten innerhalb professioneller Strukturen arbeiten, wozu sicherlich eine Schulleitung oder auch die integrative Schulungsform (ISF) gehören.

 

Das ED greift nicht zu Sofortmassnahmen. Welche wären Ihrer Meinung

nach angezeigt?

Was Christian Amsler als Vorsteher des Erziehungsdepartements macht, ist sicher die einzig mögliche Massnahme. Er ruft in seinem Schreiben dazu auf, mehr zu arbeiten und nach der Pensionierung nochmals ans Lehrerpult zurückzukehren. Eine andere kurzfristige Lösung gibt es nicht.

Allerdings ist dazu zu bemerken, dass teilzeitarbeitende Lehrpersonen ihr Pensum sicherlich aus guten Gründen reduziert haben und dass eine, diese Woche veröffentlichte Studie des Dachverbandes LCH aufzeigt, dass gerade diese Lehrpersonen bereits jetzt überproportional viel unbezahlte Überzeit leisten.

Kurfristig etwas zu retten, was sich über Jahre zu einem Problem aufgestaut hat , ist wohl nicht möglich.

 

Das Schreiben empfiehlt Schritte wie Stellenprozenterhöhungen,

pensionierte Lehrkräfte zu reaktivieren, gemeindeüberschreitende

Zusammenarbeiten zu prüfen. Sind das die richtigen Massnahmen und reichen

sie aus?

Erstens: Eine gemeindeübergreifende Zusammenarbeit nützt nichts, wenn es in allen Gemeinden schwierig ist, die Stellen zu besetzen.

Zweitens: Eine Erhöhung der Stellenprozente kann nur freiwillig erfolgen und führt zu einer Mehrbelastung der entsprechenden Lehrpersonen. Solche Forderungen aufzustellen in einer Zeit, in der über Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Entlastung von Lehrpersonen diskutiert wird, scheint surreal.

Drittens: Pensionierte Lehrpersonen zu reaktivieren just in diesem Jahr, in welchem ein neuer Lehrplan umzusetzen ist und neue Fächer implementiert werden, ist sicherlich nicht die optimale Variante. Abgesehen davon werden sich wohl nicht allzuviele Alt-Lehrer und -Lehrerinnen dazu bewegen lassen, für den ihnen angebotenen Stellvertreterlohn zu arbeiten. Wennschon müsste man sie zu den Konditionen weiterbeschäftigen, zu denen sie am Ende ihrer Karriere angestellt waren.

Ausreichen werden die Massnahmen mittelfristig sicherlich nicht. Pensionierte Lehrpersonen kann man nicht über mehrere Jahre weiterbeschäftigen, Lehrerinnen und Lehrer die mehr arbeiten, als sie eigentlich möchten brennen schneller aus und fallen dann ganz weg und nicht adäquat ausgebildete Lehrpersonen führen zu einer Mehrbelastung des ganzen Schulhausteams.


Lehrpersonen am Kindergarten neu in Lohnband 9

Wir freuen uns sehr, dass unser Gesuch um Überprüfung der Einstufung im Funktionenraster dazu geführt hat, dass die Lehrpersonen am Kindergarten ab kommendem Kalenderjahr 2020 7.9% mehr Lohn erhalten werden.

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Medienmitteilung Regierungsrat
Lohnbandwechsel_Kindergartenlehrpersonen
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Leitartikel im Schaffhauser Bock vom 25.04.2019

Aktuell sind im Kanton Schaffhausen noch viele Stellen für Lehrpersonen unbesetzt

Mangel zeichnet sich ab

Im Kanton Schaffhausen sind Lehrpersonen absolute Mangelware. Ein Grund dafür ist das unbefriedigende Lohnsystem, doch andere Faktoren wirken mit.

Autor: Ramona Pfund

68 Anstellungen für Lehrpersonen sind aktuell im Kanton Schaffhausen ausgeschrieben. Dass der Kanton seit einigen Jahren ein wachsendes strukturelles Problem bezüglich Lehrpersonen hat, ist keine neue Meldung. Doch die hohe Anzahl offener Stellen so kurz vor Ende der Frühlingsferien beunruhigt nicht nur die betroffenen Schulbehörden, sondern auch den kantonalen Lehrerverein (LSH) und den Regierungsrat. «Die Situation ist angespannt und schwierig. Aktuell sind im Stellenportal des Kantons mehr offene Stellen ausgeschrieben als in den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt», sagt Erziehungsdirektor Christian Amsler und fügt an, dass Anzeichen eines verstärkten Lehrermangels vorhanden seien. Bei einem kürzlichen Treffen mit den Schulpräsidien hörte er davon, dass auf einige Stellen nur ganz wenige oder teils gar keine Bewerbungen eingingen. Patrick Stump, Co-Präsident des LSH, sieht die Lage als sehr prekär an: «Wenn am Ende der Frühlingsferien noch immer so viele Stellen nicht besetzt sind, muss man von einem Notstand bei der Rekrutierung von Lehrpersonen sprechen.»Lohn als zentrales AnliegenDen Hauptgrund dafür sieht der LSH im Schaffhauser Lohnsystem, das enorm hinter den umliegenden Kantonen und auch hinter dem Schweizer Durchschnitt liegt. Das Thema wird immer wieder öffentlich diskutiert, da bei Änderungen der Kantonsrat das letzte Wort hat – bereits mehrmals hat sich dieser gegen eine Anpassung entschieden. Die kantonale Statistik zeigt: Eine generelle, teuerungsbedingte Lohnanpassung (plus 2,5 Prozent) fand letztmals 2009 statt. Individuelle, leistungsbedingte Erhöhungen befanden sich in den letzten zehn Jahren jährlich zwischen 0 und 1,2 Prozent der Lohnsumme. «Seitens Kantons- und Regierungsrat erwarten wir eine Grundsatzdebatte. Würden wir das aktuelle Lohnsystem weiterverwenden, müsste der Kantonsrat einer Lohnerhöhung von zirka 25 Prozent über alle Stufen zustimmen, um die Löhne auf das zürcherische Niveau anzuheben», erklärt Patrick Stump. Einmalig zwei oder drei Prozent Lohnerhöhung zu sprechen oder erneut Pro-City-Gutscheine zu verteilen, wären gemäss LSH nur Tropfen auf den heissen Stein und würden die Abwanderung der Lehrpersonen in die Nachbarkantone, wo deutlich mehr zu verdienen ist, nicht aufhalten.Auch Christian Amsler sieht den Lohn als Komponente für die aktuelle Lehrerknappheit. Diesen allerdings alleine dafür verantwortlich zu machen, sei sehr kurz gegriffen: «Es findet sicherlich kein eigentlicher Exodus in Nachbarkantone statt. Aber klar schauen ungebundene Berufsneulinge in den ersten Jahren auch den Lohn an und sehen, dass er über dem Rhein deutlich höher ist.»Babyboomer, Schulleitungen, ElternDer Erziehungsdirektor sieht weitere Faktoren für den Lehrermangel, die ebenfalls eine grosse Tragweite haben. Neben der Ausbildung haben sich auch Aufgaben, Anforderungen und vor allem das Ansehen der Lehrer verändert, so Christian Amsler: «Die Belastung in den pädagogischen Berufen ist heute enorm. Man ist konfrontiert mit stark fordernden Eltern, die immer mehr auch mit einem Rechtsanwalt im Rücken einfahren.» So nehme der Druck des Erzieherkonflikts stetig zu. «Dies ist das innere Dilemma des Lehrers, einerseits den Schüler zu verstehen und andererseits bestimmte Massnahmen durchzusetzen.» Dies sei für viele junge Lehrpersonen eine sehr grosse Herausforderung. Am anderen Ende der Alterspyramide gebe es ebenfalls ein grosses Problem: «Die Demografie schlägt voll durch. Die Babyboomer gehen in Pension, auch bei den Lehrerinnen und Lehrern.» Zu wenig Wertschätzung sei ein weiterer unglücklicher Umstand: «Wir haben in Schaffhausen sehr gute Schulen mit ausgezeichneten Resultaten in den interkantonalen Vergleichen. Unsere Lehrerinnen und Lehrer machen einen sehr guten Job. Es gilt für uns alle, dem Lehrberuf aktiv Wertschätzung entgegenzubringen und an einem guten Image mitzuarbeiten.»Entsprechend sieht auch Patrick Stump die Entlohnung nicht als einzige Ursache für den Mangel: «Es existieren weitere Probleme: Wir haben als einziger Kanton der Deutschschweiz nicht flächendeckend Schulleitungen, da dies der Souverän abgelehnt hat. Wir haben kein kantonales Konzept im Bereich der integrativen Beschulung, und das Konzept zu Medien und Informatik des Kantons Schaffhausen ist erst Ende letzten Jahres präsentiert worden, zu einem Zeitpunkt, an welchem in anderen Kantonen das Fach schon integraler Bestandteil der Volksschule war.»Qualitätsveränderung als KonsequenzNatürlich bedeutet auch ein Lehrermangel nicht, dass Kinder im kommenden August vor einem leeren Lehrerpult sitzen. Per Gesetz sind die Schulbehörden verpflichtet, Schule stattfinden zu lassen. «Wenn sich aber zu wenige, ungenügend qualifizierte oder Lehrpersonen mit schlechten Arbeitszeugnissen bewerben, die Gemeinden aber zwingend Personen einstellen müssen, ist auch klar, dass die Schulqualität leidet», so Patrick Stump. An einigen Zahlen verdeutlicht er, wie sich die Situation im Kanton aktuell gestaltet: Mehr als 30 Personen würden als schulische Heilpädagogen arbeiten, ohne über ein entsprechendes Diplom zu verfügen. Zudem würden mehrere Primarlehrpersonen – mangels Lehrpersonen mit Ausbildung Sekundarstufe I – in der Oberstufe unterrichten. «Und noch dramatischer ist, dass fünf Personen am Unterrichten sind, die gar keine pädagogische Ausbildung haben», erzählt der Lehrer, «und diese Zahlen beziehen sich bloss auf Anstellungen über 50 Prozent. Wie viele Lehrpersonen mit Kleinpensen stufenfremd oder ohne Ausbildung mit Kindern arbeiten, entzieht sich unserer Kenntnis.»Gemäss Erziehungsdepartement dürfen nicht adäquat ausgebildete Lehrpersonen nur mit Bewilligung der Schulaufsicht, befristet und mit Lohnreduktion zumEinsatz kommen. Christian Amsler möchte bei der Ausbildung der Lehrpersonen keine Kompromisse eingehen: «Da sind wir sehr strikt im Interesse der Qualität unserer Schule. Es ist nun einmal so, dass nicht einfach jede und jeder Schule geben darf und kann. Das sind wir den Schülerinnen und Schülern, der Profession und der Schulqualität schuldig.» Quereinsteiger und Lehrpersonen mit ausländischem Diplom müssen an der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen eine Nachqualifikation erlangen oder eine Berufseinführung besuchen. Doch das sollte nicht Usus werden, so der Erziehungsdirektor: «Bei zu viel Nachqualifikationen und ‹Schnellbleichen› befürchte ich eine demoralisierende Wirkung. Da denkt sich doch jeder Sek-I-Lehrer: Warum habe ich vier Jahre studiert, wenn jetzt einer nach kurzer Ausbildung dasselbe machen darf?»Zu spät für SofortmassnahmenDie Schulen erstellen derzeit bereits die Stundenpläne und teilen die Räumlichkeiten zu. Deshalb müssten zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich auch bereits die Mehrheit der Stellen besetzt sein. «Es ist daher zu spät für Sofortmassnahmen in Bezug auf das kommende Schuljahr. Politische Massnahmen sind aber dringend angezeigt, damit sich die seit Jahren anhaltende schlechte Situation endlich entspannen könnte», sagt Patrick Stump, der aber befürchtet, dass es auch bei grosser Anstrengung seitens Politik noch Jahre oder Jahrzehnte dauern wird, bis alle Versäumnisse wieder wettgemacht sein werden. «Seitens LSH versuchen wir in den kommenden Monaten, Bevölkerung und Politiker darauf zu sensibilisieren, dass nur mit rigorosen Lohnmassnahmen und verbesserten Rahmenbedingungen der Trend gestoppt werden kann, immer mehr unzureichend ausgebildete oder nachqualifizierte Lehrpersonen anstellen zu müssen.» Um diese Anliegen in die politische Debatte zu tragen, arbeitet der LSH mit politischen Vertretern zusammen.Engagiert ist in dieser Beziehung auch der Regierungsrat, der anerkennt, dass sich die Situation eher verschärft als entspannt, versichert Christian Amsler: «Für den Regierungsrat ist klar: Falls der Kanton keine Massnahmen zur Alimentierung des Lohnsystems ergreift, welche die Konkurrenzfähigkeit erhöhen, wird sich der Arbeitgeber massiven Rekrutierungsproblemen gegenübergestellt sehen. Die Mitglieder des Kantonsrats sind hier stark mit in der Verantwortung, denn sie sind es, die letztlich Mittel sprechen. Ein Zuwarten ist keine Lösung, weshalb jetzt die nötigen Massnahmen zu ergreifen und entsprechende Mittel zu gewähren sind.»Patentrezepte zur Lösung der Situation gibt es keine. Meistens greifen Massnahmen erst, wenn das schlimmste Beben bereits vorüber ist. Mit der Situation eines Lehrermangels ist der Kanton Schaffhausen nicht alleine. Welche Massnahmen ergriffen werden könnten, bespricht die Regierung auch mit anderen Kantonen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Lehrermangel - Interview mit dem Schaffhauser Bock

Interview für den Schaffhauser Bock vom 25.04.2019

Fragen: Ramona Pfund, Schaffhauser Bock

Antworten: Cordula Schneckenburger & Patrick Stump, Co Präsidium LSH

Die Kündigungsfristen für Lehrpersonen im Kanton Schaffhausen sind bereits abgelaufen. Was für ein Bild zeichnet sich derzeit bezüglich der Personalsituation konkret in den Primarschulen ab? Wie sieht es bei den Kindergärten und Sekundarschulen aus?

 

Insgesamt sind im Kanton Schaffhausen (per 21.04.2019) 68 Anstellungen für Lehrpersonen ausgeschrieben. Diese teilen sich auf wie folgt: 6 Stellen im Kindergarten, 29 an der Primarschule, 18 auf der Sekundarstufe I, 12 als Schulische Heilpädagoginnen, 2 als Lehrpersonen für Deutsch als Zweitsprache sowie eine als Logopädin. Hinzuzufügen ist aber, dass mehr als die Hälfte aller Stellen ein grosses Arbeitspensum (über 50 Prozent) verlangen und eine Mehrheit der Lehrpersonen lediglich im Teilpensum unterrichtet. Das heisst, dass die 68 ausgeschriebenen Stellen nicht 68 fehlende Lehrpersonen bedeuten, sondern schätzungsweise gegen 100.

 

Wie ist die Tendenz hinsichtlich der Kündigungen? Zeichnet sich die Lohnsituation/-debatte ab bzw. wandern viele Lehrpersonen in andere Kantone ab?

 

Da bei einer Kündigung kein Grund angegeben werden muss und wir als LSH keinen Einblick in die Personalien der einzelnen Gemeinden haben, können wir diese Frage nicht abschliessend beantworten. Es ist aber tatsächlich so, dass wir Kenntnis haben von mehreren Lehrpersonen, welche aus Lohngründen den Kanton verlassen oder auch nach einer Auszeit nicht mehr in unserem Kanton nach einer Anstellung suchen. 

 

Wie gestaltet sich die Suche nach neuen Lehrpersonen? Bietet sich den Schulen eine grosse Auswahl an Kandidaten?

 

Auch in diesem Bereich sind die einzelnen Gemeinden zuständig und wir haben keine Einsicht in die entsprechenden Unterlagen. Wenn aber am Ende der Frühlingsferien noch immer so viele Stellen nicht besetzt sind, muss man von einem Notstand bei der Rekrutierung von Lehrpersonen sprechen. 

Auch weiss man, dass in Kanton Schaffhausen bereits heute mehr als 30 Personen als Schulische Heilpädagogen arbeiten, ohne über ein entsprechendes Diplom zu verfügen oder dass mehrere Primarlehrpersonen in der Oberstufe unterrichten mangels Lehrpersonen mit Ausbildung Sekundarstufe I. Und noch dramatischer ist, dass sogar fünf Personen am Unterrichten sind, welche gar keine pädagogische Ausbildung haben. Und all' diese Zahlen beziehen sich bloss auf Anstellungen über 50 Prozent. Wie viele Lehrpersonen mit Kleinpensen stufenfremd oder ohne Ausbildung mit unseren Kindern arbeiten, entzieht sich unserer Kenntnis...

Dies bedeutet, dass schon in den vergangenen Jahren zu wenige qualifizierte Lehrpersonen zur Verfügung standen und man bereits heute viele Schülerinnen und Schüler mit nicht adäquat ausgebildetem Lehrpersonal beschult.

 

Werden verhältnismässig viele ausländische – vornehmlich deutsche – Lehrpersonen engagiert? Wie werden diese geschult oder was wird unternommen, damit auch die lokale/regionale/nationale Kultur und die Mundart im Unterricht Platz findet?

 

Auch hier liegen dem LSH keine Zahlen vor. Die Kantonsregierung schreibt, dass zurzeit 25 Lehrpersonen mit ausländischem Diplom arbeiten. Diese Zahl ist aber nicht sehr aussagekräftig, da Lehrpersonen, welche nicht über ein anerkanntes Diplom verfügen, innerhalb von zwei Jahren sogenannte Ausgleichsmassnahmen absolvieren müssen. Das heisst, sie müssen sich nachqualifizieren, um eine Äquivalenz zu einem Schweizer Diplom zu erlangen. Ab diesem Zeitpunkt werden sie Lehrpersonen mit Schweizer Ausbildungen gleichgestellt.

Dass diese Lehrerinnen und Lehrer aber keine Mundartinseln in ihren Unterricht einbauen werden, ist klar. Im Lehrplan 21 kommt der Begriff "Mundart" elfmal vor im Sinne einer zu erwerbenden Kompetenz. Ebenso klar ist, dass eine ausländische Lehrperson eher weniger daran interessiert ist, eine Bundesratswahl zu analysieren oder unseren Föderalismus zu thematisieren, was aber Grundpfeiler unseres Demokratieverständnisses sind. 

Wichtig ist zu sagen, dass an dieser Entwicklung nicht unsere ausländischen Lehrpersonen schuld sind, sondern Gründe wie die unzureichende Zahl ausgebildeter Schweizer Lehrpersonen sowie die Kantonalen Lohnunterschiede.

 

Zeichnet sich im Kanton Schaffhausen ein Lehrermangel für das kommende Schuljahr ab?

 

Ja, davon ist auszugehen. Das heisst aber nicht, dass einzelne Kinder keine Lehrperson vor sich stehen haben werden. Die zuständigen Schulbehörden sind nämlich per Gesetz dazu verpflichtet, Schule stattfinden zu lassen. Wenn sich aber zu wenige, ungenügend qualifizierte oder auch Lehrpersonen mit schlechten Arbeitszeugnissen bewerben, die Gemeinden aber zwingend Personen einstellen müssen, um dem gesetzlichen Auftrag gerecht zu werden, ist auch klar, dass die Schulqualität leidet. 

 

Falls ja, mit welchen Sofortmassnahmen müsste diesem von politischer Seite entgegengewirkt werden?

 

Politische Sofortmassnahmen dürften für das kommende Schuljahr schon zu spät sein. Lehrpersonen planen ihre Stellenwechsel jeweils anfangs des Kalenderjahrs. Zurzeit sind wir am Erarbeiten der Stundenpläne und Zuteilen der Räumlichkeiten. Deshalb müssten wir jetzt eigentlich auch bereits die Mehrheit der Stellen besetzt haben.

Politische Massnahmen sind aber dringend angezeigt, damit sich die seit Jahren anhaltende, schlechte Situation endlich entspannen könnte. Aber auch bei grosser Anstrengung seitens Politik wird es noch Jahre oder Jahrzehnte brauchen, bis wir alle Versäumnisse wieder wettgemacht haben werden.

 

Hat die aktuelle Situation bezüglich der problematischen Entwicklung der Entlöhnung Einfluss auf die Bildung der Kinder und in welchem Ausmass? Wie ist einer solchen Konsequenz von innen und von aussen entgegenzuwirken?

 

Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind 25 Jahre alt und haben soeben ihr Studium als Lehrperson abgeschlossen. Sie haben sich für eine Stelle beworben in Schaffhausen, eine in Feuerthalen und eine in Diessenhofen. Wenn Sie nun die Lohndifferenz ausrechnen bis sie 65 Jahre alt sind ergibt sich folgendes Bild: In Diessenhofen werden sie im Laufe ihres Berufslebens über eine halbe Million Franken mehr verdienen und in Feuerthalen gar über eine Million Franken mehr als in Schaffhausen. Nun die 1-Million-Frage: Wo werden sie wohl zusagen? Und die Anschlussfrage: Sie sind Schulbehörde in Diessenhofen und haben zwei Bewerbungen aus dem Kanton Schaffhausen. Stellen Sie die besser oder die schlechter qualifizierte Lehrperson ein? Und das traurige Fazit: Wer wird dann die Stelle in Schaffhausen antreten...?

Früher sagte man auch in Schaffhausen, ich mag mich daran noch erinnern, dass bei der Bildung nicht gespart werden dürfe. Aber eben, das war früher.

Und wenn Sie fragen, welche Auswirkungen das auf die Bildung hat, möchte ich Ihnen Folgendes aufzeigen: Um Schulische Heilpädagogin oder Heilpädagoge zu werden, müssen Sie im Anschluss an ihr Lehrerstudium noch zwei weitere Jahre an der Interkantonalen Schule für Heilpädagogik einen Masterstudiengang belegen. Als derart ausgebildete Fachperson arbeiten dann mit Kindern, welche durch den SAB, der Abteilung für schulische Abklärung und Beratung, psychologisch abgeklärt wurden und denen entsprechende schulische Fördermassnahmen zustehen. Aktuell steht für gut einen Drittel der Kinder und Jugendlichen mit besonderen schulischen Bedürfnissen keine entsprechend ausgebildete Lehrperson zur Verfügung. Das heisst, diese Kinder werden nicht so beschult, wie dies vorgesehen ist. 

 

Die Lage spitzt sich durch die Lohndebatte zu, in den kommenden Jahren dürfte es nicht einfacher werden, die offenen Stellen zu besetzen. Was erwarten Sie diesbezüglich von Kantons- und Regierungsrat? Welche Massnahmen plant der LSH selbst?

 

Die Lohnsituation ist sicher das drängendste Problem. Nicht zuletzt deshalb, weil Lohnanstiege vom Wohlwollen des Parlamentes abhängig sind und sich dieses in den letzten Jahren in seiner Mehrheit nicht auf die Seite des Staatspersonals geschlagen hat. Die Einstiegslöhne sind gesetzt, Entwicklungen, wie sie dem Internet entnommen werden können, sind weit entfernt von der reellen Situation.

Es existieren aber noch weitere Probleme: Es gibt weder ein Konzept im Bereich Schulleitungen noch eines im Bereich der integrativen Beschulung. Und auch im Bereich Medien und Informatik hinken wir den anderen Kantonen hinterher.

Nun zu den Erwartungen des LSH: Seitens Kantons- und Regierungsrat erwarten wir eine Grundsatzdebatte, welche zu wirksamen Sofortmassnahmen führt. Wenn wir beispielsweise das gültige Lohnsystem weiterverwenden, müsste der Kantonsrat einer Lohnerhöhung von zirka 25 Prozent über alle Stufen zustimmen, um die Löhne auf das Zürcherische Niveau anzuheben. Einmalig zwei oder drei Prozent Lohnerhöhung zu sprechen oder erneut Pro City Gutscheine zu verteilen, wären nur Tropfen auf einen heissen Stein.

Seitens LSH versuchen wir in den kommenden Monaten in erster Linie, die Bevölkerung und Politiker darauf zu sensibilisieren, dass unsere Nachkommen, unsere Kinder und Jugendlichen vermehrt von unzureichend qualifizierten Lehrpersonen unterrichtet werden, dass die Kantonsregierung dies aber schon vor Jahren erkannt hatte und 2016 zu Sofortmassnahmen aufrief, ohne aber Gehör im Parlament zu erlangen. Des Weiteren arbeiten wir auch mit politischen Vertretern zusammen, um unsere Anliegen in die politische Debatte zu tragen. 

Wie Sie sehen, versuchen wir mittels Aufklärung und Information entsprechende Veränderungen zu erreichen. Ob diese Mittel ausreichen werden, wird die Zukunft weisen...


Lohnunterschiede SH-ZH

Wir haben seitens LSH die Lohnunterschiede im 11. Dienstjahr zwischen den Kantonen Schaffhausen und Zürich berechnet. 

Als Berechnungsgrundlage diente die Lohndatenerhebung der Lehrkräfte, Auswertung 2018 der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz und die Antwort des Schaffhauser Regierungsrates auf die Kleine Anfrage 2019/29.

Nachfolgend die Grafik...