Lehrermangel - Interview mit den SN

Fragen: Mark Liebenberg, Schaffhauser Nachrichten

Es zeichnen sich fürs nächste Schuljahr „gewisse Herausforderungen“ ab,

schreibt Amsler: Welches sind aus der konkreten Erfahrung in der

Lehrerschaft die Indikatoren? Gibt es dazu Zahlen? In welchen Gemeinden

ist die Lage besonders prekär?

Wir sind froh über den Hilferuf von höchster Stelle. Das zeigt uns auf, dass die Situation wirklich dramatisch ist. Auch begrüssen wir sehr, dass Herr Amsler viele unserer gewerkschaftlichen Forderungen anführt, um zu zeigen, dass er sich seit längerer Zeit sehr bewusst ist, dass das Schiff gegen den Eisberg krachen wird. Auch hat er im Namen der Regierung schon mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Strukturen und Löhne nicht mehr zeitgemäss sind. Aber wenn es ihm nicht gelingt, das Parlament, ja nicht einmal seine eigene Partei von der Dringlichkeit einschneidender Massnahmen im Bildungsbereich zu überzeugen, dann wird wohl erst das Zerschellen am Eisberg zu Massnahmen führen.

Was Herr Amsler mit "gewisse Herausforderungen" umschreibt, ist die Tatsache, dass wir offene Stellen, aber keine Bewerbungen mehr haben und das obschon wir bereits zum jetzigen Zeitpunkt viele Stellen nicht mit adäquatem Lehrpersonal besetzt haben.

 

Wo sehen Sie die Gefahr, dass diese Lehrer nicht ersetzt werden können?

Gefahren sind, dass noch mehr Lehrpersonen ohne entsprechende Ausbildung angestellt werden müssen, dass Klassen vergrössert werden, dass es zu einer Überbelastung des bestehenden Lehrpersonal kommt. 

Leider sind wir einfach zu spät dran, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen und entsprechend Werbung für den Lehrerberuf zu machen. Der LSH fordert seit Jahren entsprechende Anpassungen. Es ist schade, wenn auf diese Forderungen erst reagiert wird, wenn das System bereits Schaden genommen hat. 

 

Ab wann würden Sie von einem Notstand sprechen?

Wenn der zuständige Regierungsrat in einem Schreiben höchstpersönlich die Lehrpersonen darum bittet, ihre Pensen zu erhöhen, in benachbarten Dörfern nach Lehrpersonen zu suchen und bei pensionierten Lehrerinnen und Lehrern nachzufragen, ob sie wieder unterrichten würden, dann ist für mich der Notstand Realität.

Auch könnte man sagen, dass wir uns seit längerer Zeit in einer Situation befinden, die den Schülerinnen und Schülern nicht gerecht wird. Wenn etwa ein Drittel aller Kinder mit abgeklärtem Förderbedarf nicht von entsprechendem Lehrpersonal beschult wird, wenn bei direkt integrierten Sonderschülern das vereinbarte Setting nicht eingehalten wird, weil die entsprechenden Fachpersonen gar nicht zur Verfügung stehen, wenn Personen unsere Kinder unterrichten, welche gar nicht über eine pädagogische Ausbildung verfügen, dann ist der Notstand bereits in diesem Schuljahr Tatsache.

 

Besteht ihrer Ansicht nach ein Zusammenhang zwischen dem Schulmodell

(geleitete Schulen/Vorstehermodell) und fehlenden Lehrkräften? Kann man

dies belegen?

Wir wissen von mehreren Lehrpersonen, welche den Kanton Schaffhausen im Sommer verlassen oder nach dem Studium ihre Erstanstellung ausserhalb unseres Kantons antreten mit der Begründung, sie möchten innerhalb professioneller Strukturen arbeiten, wozu sicherlich eine Schulleitung oder auch die integrative Schulungsform (ISF) gehören.

 

Das ED greift nicht zu Sofortmassnahmen. Welche wären Ihrer Meinung

nach angezeigt?

Was Christian Amsler als Vorsteher des Erziehungsdepartements macht, ist sicher die einzig mögliche Massnahme. Er ruft in seinem Schreiben dazu auf, mehr zu arbeiten und nach der Pensionierung nochmals ans Lehrerpult zurückzukehren. Eine andere kurzfristige Lösung gibt es nicht.

Allerdings ist dazu zu bemerken, dass teilzeitarbeitende Lehrpersonen ihr Pensum sicherlich aus guten Gründen reduziert haben und dass eine, diese Woche veröffentlichte Studie des Dachverbandes LCH aufzeigt, dass gerade diese Lehrpersonen bereits jetzt überproportional viel unbezahlte Überzeit leisten.

Kurfristig etwas zu retten, was sich über Jahre zu einem Problem aufgestaut hat , ist wohl nicht möglich.

 

Das Schreiben empfiehlt Schritte wie Stellenprozenterhöhungen,

pensionierte Lehrkräfte zu reaktivieren, gemeindeüberschreitende

Zusammenarbeiten zu prüfen. Sind das die richtigen Massnahmen und reichen

sie aus?

Erstens: Eine gemeindeübergreifende Zusammenarbeit nützt nichts, wenn es in allen Gemeinden schwierig ist, die Stellen zu besetzen.

Zweitens: Eine Erhöhung der Stellenprozente kann nur freiwillig erfolgen und führt zu einer Mehrbelastung der entsprechenden Lehrpersonen. Solche Forderungen aufzustellen in einer Zeit, in der über Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Entlastung von Lehrpersonen diskutiert wird, scheint surreal.

Drittens: Pensionierte Lehrpersonen zu reaktivieren just in diesem Jahr, in welchem ein neuer Lehrplan umzusetzen ist und neue Fächer implementiert werden, ist sicherlich nicht die optimale Variante. Abgesehen davon werden sich wohl nicht allzuviele Alt-Lehrer und -Lehrerinnen dazu bewegen lassen, für den ihnen angebotenen Stellvertreterlohn zu arbeiten. Wennschon müsste man sie zu den Konditionen weiterbeschäftigen, zu denen sie am Ende ihrer Karriere angestellt waren.

Ausreichen werden die Massnahmen mittelfristig sicherlich nicht. Pensionierte Lehrpersonen kann man nicht über mehrere Jahre weiterbeschäftigen, Lehrerinnen und Lehrer die mehr arbeiten, als sie eigentlich möchten brennen schneller aus und fallen dann ganz weg und nicht adäquat ausgebildete Lehrpersonen führen zu einer Mehrbelastung des ganzen Schulhausteams.